Rezension - "Die Assistentin" von Caroline Wahl

Montag, 5. Oktober 2026

Eigentlich will Charlotte ja Musikerin werden. Aber dann nimmt sie die Stelle in einem Verlag an, ihren Eltern zuliebe. Dass die jungen Frauen im Vorzimmer des Verlegers häufig wechseln, erfährt Charlotte schnell. Und sie nimmt sich vor: Sie wird ihren nicht ganz einfachen Chef in den Griff bekommen. Dafür muss sie viel in Kauf nehmen, sehr viel, vielleicht ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Vielleicht sogar Bo verlieren, in den sie sich doch gerade erst verliebt hat. (Quelle: Rowohlt)

Die ersten zwei Romane von Caroline Wahl habe ich verschlungen, mit diesem hier hatte ich meine Anfangsschwierigkeiten. Nach "22 Bahnen" und "Windstärke 17" musste ich eeeewig darauf warten, dass auch "Die Assistentin" als Taschenbuch erschien, damit es ins Bücherregal passt. Verlagswechsel, okay, aber wenigstens haben sie sich an der Höhe der vorigen Bücher gehalten, jippie!

Nun aber zu Charlotte und dem, was sie in München erlebt.

Anders als mit den Protagonistinnen davor war mir Charlotte zu Beginn recht unsympathisch mit ihrer irgendwie gar nicht erwachsenen, teeniehaft-genervten Art, wie sie so wütend auf ihre Eltern ist, weil diese ihren Musiker-Traum wenig unterstützen. Charlotte benimmt sich recht lang eher wie eine 18-Jährige, die zum ersten Mal auszieht. Dabei hat sie schon einen Master und zieht zum sechsten Mal um. 

Caroline Wahls große Stärke ist meiner Meinung nach, das Innenleben der Protagonisten ohne viele Worte auf den Punkt zu bringen. So habe ich trotz meiner anfänglichen Zweifel ein gewisses Verständnis für Charlotte entwickelt und Seite für Seite auch Achtung und Bewunderung für die Verbissenheit, mit der sie den immer unerträglicheren Grenzüberschreitungen ihres Chefs im Verlagsjob ("die riesengroße Fehlentscheidung") begegnet.

Charlottes Dilemma, durchhalten zu müssen, weil so viel auf dem Spiel steht, steht stellvertretend für viele Schicksale, die irgendwann im Burnout landen. Vielleicht ist der narzisstische Chef, den Charlotte erträgt, in einem anderen Leben eine ausbeutende Firma, die alternativlos erscheint. Vielleicht ist es gar der eigene innere Antreiber, der unfaire und ungerechtfertigt große Kritik ausübt.

Ich jedenfalls habe mitgelitten, mit jeder weiteren Bloßstellung durch "mu", mit der immer dringender werdenden Notwendigkeit, diesen Job zu verlassen, die Charlotte durch immer größere Verbissenheit ignorierte. Ungefähr nach dem ersten Drittel des Romans war ich gefangen. Viel zu viele, viel zu gruselig ähnliche Parallelen zu eigenen Gefühlswelten; eine Protagonistin, die nur skizziert und gleichzeitig unheimlich lebensecht wirkt, die sich entwickelt und löst, aber leider so langsam, dass es wehtut, ihr weiter zuzusehen bei ihrer Schlacht in München. Bis sie nicht mehr kann.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Erzählstruktur, die manchmal Dinge vorwegnimmt, die später passieren. Es ist ein Stilmittel, das zu Charlottes Charakter passt, aber sich oft ... wie unlektoriert liest. So "dahingesagt". Und teilweise klingt es auch etwas besserwisserisch.

Gar nicht zufrieden bin ich leider mit dem Ende. Es war mir klar, dass der Fokus nicht darauf liegt, was "danach" passiert, aber mehr als 7 Zeilen habe ich schon erwartet. So als Belohnung für das gemeinsame Durchhalten.



Caroline Wahl

Rowohlt
28.08.25 (Hardcover)/28.08.26 (Taschenbuch)
368 Seiten





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